Erinnerungskultur – Begleiterin der Zukunft

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Was ist Erinnerungskultur?

Einführende Bemerkungen zum Mosaik ‚Erinnerungskultur – Begleiterin der Zukunft‘ von Forum Dialog e.V.

Unter dem Titel ‚Erinnerungskultur – Begleiterin der Zukunft‘ versammelt Forum Dialog einzelne Veranstaltungen, die sich mit den vielseitigen Erfahrungen historisch erlittenen Unrechts auseinandersetzen. Die Veranstaltungen sollen im Sinne eines Rück-Blicks dazu dienen, Wissen über Geschichte zu vermitteln. Sie regen gleichfalls zum Ein-Blick in aktuelle Herausforderungen an. Denn die langen Schatten, die die Vergangenheit wirft, reichen in die Gegenwart mitunter deutlich sichtbar hinein – in die Architektur der Stadt, in das Selbstverständnis der Bürgerinnen und Bürger, in die Erinnerungspolitik, in Kunst und Medien.

Das Format ist als Mosaik konzipiert. Im Vergleich zu den thematisch einheitlich gestalteten Veranstaltungsreihen erlaubt uns diese offenere Zusammenfügung, dass die geschilderten Erfahrungen aus unterschiedlichen Ländern zunächst ganz für sich stehen, und für sich sprechen. Erst nach und nach wird mit der Einsetzung weiterer Mosaiksteine ein Bild sichtbar, das in vergleichender Perspektive neben den Unterschieden auch die Gemeinsamkeiten in der Erfahrungsgeschichte und in deren Bearbeitung erkennen lässt.

Einführend sollen einige Bemerkungen dazu gemacht werden, was unter Erinnerungskultur zu verstehen ist. Davon ausgehend möchten wir erkunden, was sie für eine Bedeutung für uns als Gesellschaft, aber auch für uns als Verein Forum Dialog hat, der auf ein diesbezügliches Engagement in der Vergangenheit zurückblickt, und es in Zukunft weiter stärken möchte.

 

Kollektives Erinnern

Jede Gemeinschaft lebt mit und von Geschichtsbildern. „Der Begriff ‚Geschichtsbilder‘ ist eine Metapher für gefestigte Vorstellungen und Deutungen der Vergangenheit mit tiefem zeitlichen Horizont, denen eine Gruppe von Menschen Gültigkeit zuschreibt.“[1] Es beschreibt das Bild, das wir uns wahlweise als Familie, als religiöse Gemeinschaft, als deutsche Gesellschaft oder gar als europäische oder globale Zivilisation von uns selber machen, indem wir die Vergangenheit deuten. „So werden Gefühl und Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, wird kollektive Identität beglaubigt, der Daseinssinn einer Gemeinschaft gestiftet.“[2] Der Umgang mit der Vergangenheit gründet daher nicht bloß in einem historischen Interesse, sondern in der Notwendigkeit kollektiver Selbstverständigung.

 

In den Religionen sind Geschichtsbilder besonders präsent und stark ausgebildet. Der religiöse Jahreskalender richtet sich an dem – eben auch historisch verorteten – Offenbarungsgeschehen aus. In zentralen Festen erinnern und gedenken Gläubige des Eingreifens, des Beistands und der Heilsgaben Gottes, wie der Befreiung aus Ägypten (Pessach), der Himmelfahrt des Propheten Muhammed (Mi’râdsch-Nacht) oder der Geburt Jesu (Weihnachten). Die Ereignisse, die in symbolischer, ritueller Weise präsent gehalten werden, festigen das religiöse Selbstverständnis als Erfahrung mit Gott. Darüber hinaus weisen sie den Weg in die Zukunft: Mit dem Gegründet-Sein in Gott ist die Hoffnung auf die Rückkehr zu Gott fest verbunden.

 

Auch die Gesellschaft als Ganze ist mit der Frage des Woher konfrontiert. Die Frage ist nicht metaphysisch zu verstehen, ihre Beantwortung schließt aber ebenso ein in die Zukunft gerichtetes Wohin mit ein. Lange Zeit war der rückwärtsgewandte Blick ein verklärter, triumphalistischer Blick, der militärische Siege und zivilisatorische Errungenschaften in den Mittelpunkt stellt und gegen andere Nationen abgrenzt. Aleida Assmann führt dazu folgendes Beispiel an: „Die Metrostationen in Paris kommemorieren die Siege Napoleons, aber keine seiner Niederlagen. In London dagegen, im Lande Wellingtons, gibt es eine Metro-Station mit Namen Waterloo, was ein deutlicher Beleg für den perspektivischen Charakter des kollektiven Gedächtnisses ist.“[3] Die Verklärung der Vergangenheit ist heute keineswegs verschwunden, sie kommt immer wieder, sei es mit Verweis auf das ‚christliche‘ Abendland, als ‚Ostalgie‘ oder als Glorifizierung des Osmanischen Reiches.

 

Erinnern an historisch erlittenes Unrecht

In der jüngeren europäischen Erinnerungskulturgeschichte vollzieht sich ein grundsätzlicher Wandel. Es bilden sich „Formen einer kollektiven Erinnerung, die nicht mehr in die Muster einer nachträglichen Heroisierung und Sinnstiftung fallen, sondern auf universale Anerkennung von Leiden und therapeutische Überwindung lähmender Nachwirkungen angelegt sind.“[4]

 

Der Wandel vollzieht sich in Europa an der ‚Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts‘, dem Ersten Weltkrieg, und setzt sich fort an der Verarbeitung des beispiellosen Einschnitts durch den Zweiten Weltkrieg, der Massenvernichtung menschlichen Lebens, insbesondere der europäischen Jüdinnen und Juden. In der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO von 1948 werden die Taten als „Akte der Barbarei“ bezeichnet, die das „Gewissen der Menschheit empören“. Eine positive Bezugnahme ist überhaupt nur mit extremem Zynismus oder einer Leugnung des (Ausmaßes oder der Systematizität des zugefügten) Leids möglich. Eine humane Erinnerungskultur muss fortan das Leid zu bedenken geben.

 

Neben dem Friedensprojekt Europa[5] und der internationalen Kodifizierung der Menschenrechte, die als Antwort auf historisches Unrecht gelesen werden können,[6] rückt die internationale Staatengemeinschaft den Holocaust mit erinnerungskulturellen Initiativen, etwa in der Holocaust-Konferenz in Stockholm von 2000 sowie durch den International Holocaust Remembrance Day am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, den die UNO im Jahr 2005 einführt, in den Fokus. Zum Gedenken des Endes des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus ist zudem der 8. Mai fest etabliert. In der Erinnerung finden auch die Angehörigen anderer Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte, sogenannte ‚Asoziale‘, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie rassistisch oder religiös Verfolgte Berücksichtigung.

 

Erinnerungskultur in Deutschland

Der Holocaust ist und bleibt „Dreh- und Angelpunkt“[7] der deutschen Erinnerungskultur. Der Selbstfindungsprozess in Deutschland vollzog sich über Etappen des Schweigens (bis zum Ende der 50er Jahre war vom Holocaust öffentlich keine Rede), das von antisemitischen Ausschreitungen und öffentlich wirksamen Prozessen (wie den von Adolf Eichmann 1961, über den die Philosophin Hannah Arendt berichtete) langsam aufgebrochen wurde, sodann über den Einfluss der ‚antifaschistischen‘ 68er-Bewegung und politische Machtwechsel (den ‚Kanzler des befreiten Deutschlands‘ Willy Brandt) sowie über intellektuelle Richtungsstreits (Historikerstreit 1986/87).

 

Im Umgang mit der NS-Vergangenheit unterschieden sich die baldig voneinander getrennten deutschen Staaten BRD und DDR: „Während in der Bundesrepublik die Vergangenheitsbewältigung ein ständiger und zwischen zahlreichen Gruppen umstrittener Prozess war, erklärte die SED, dass mit der ‚antifaschistisch-demokratischen Umwälzung‘ 1945-1949 der Nationalsozialismus mit Stumpf und Stil ‚ausgerottet‘ worden sei. Weitere Debatten über Schuld und Verantwortung erübrigten sich. Die DDR lehnte jegliche Haftungspflichten für die Vergangenheit ab. Hitler, so konnte man meinen, sei ein Westdeutscher gewesen.“[8]

 

Nach der Wiedervereinigung musste sich Deutschland seines ‚gesamten‘ NS-Erbes annehmen. So wurden etwa ab dem Jahr 2000 Entschädigungen auch an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter des NS-Regimes aus Osteuropa gezahlt. Hinzu kommt die Erinnerung an die vielfältigen Erfahrungen im Unrechtsregime DDR und mit der deutschen Teilung, deren Folgen auch heute, mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall, sichtbar werden und zu Recht mehr Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Des Weiteren bedarf das koloniale Erbe Deutschlands einer engagierteren Bearbeitung. Nur einzelne Themen, wie die politische Auseinandersetzung um Entschädigungen für die Herero und Nama, erreichen bisher eine breitere Öffentlichkeit.

 

Welche Vergangenheit braucht unsere Zukunft? Erinnerungskultur im Wandel

Erinnerungskultur soll eine Begleiterin der Zukunft sein. Der rückwärtsgewandte Blick wird stets von Menschen, die in der Gegenwart stehen, vorgenommen und von ihnen als richtungsweisend für die Zukunft beansprucht. Leider passiert es immer wieder, dass das Verhältnis der zeitlichen Dimensionen ‚verrutscht‘. Legt man sich zu sehr auf die Vergangenheit fest, dann geht sie uns nichts (mehr) an. Sie ist einmal geschehen, nun ist sie vorbei, sie kehrt nicht zurück. Was sie uns für heute und morgen bedeutet, ist nicht zu sehen. Legt man sich hingegen zu sehr auf die Gegenwart fest, wird die Vergangenheit instrumentalisiert. Sie dient dann lediglich als Stichwortgeberin, um aktuelle politische Ziele zu fördern oder zu delegitimieren. Die Stimmen der Opfer, die sie anerkennen soll, bringt sie hinter dem gegenwärtigen Anliegen zum Schweigen. Es braucht demnach einen Ausgleich der Blickrichtungen.

 

Eine andere Herausforderung besteht in der wechselnden Zusammensetzung der Erinnerungsgemeinschaft. Die Erinnernden sind nicht immer dieselben. Daher sind auch die Erinnerungen wechselhaft. In Bezug auf das Holocaust-Erinnern in Deutschland werden gemeinhin zwei Faktoren genannt: 1. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen schwinden. Ihre eindrucksvollen Berichte können nicht mehr in einem Gespräch vis-à-vis, sondern nur durch digitale Träger erlebt werden.[9] 2. Die deutsche Gesellschaft ist pluraler geworden. Kinder aus Familien mit polnischer, russischer, ex-jugoslawischer, türkischer oder arabischer Migrationsgeschichte bringen ihre eigenen Perspektiven, je nach Sozialisation, mit in die Schule; die ‚gemeinsame‘ Erinnerung wird zu einer Herausforderung insbesondere für die Lehrkräfte.[10]

 

Im Zuge dessen stellt Harald Welzer fest: „Da sich die Aneignungsformen von Geschichte mit den Generationen und dem Zeitabstand zu den Ereignissen beständig verändern“, muss man die „Erinnerungs- und Vermittlungspraxis […] beständig modernisieren.“[11] Die Vorschläge zur Aktualisierung der Erinnerungskultur fallen sehr unterschiedlich aus. Sie reichen von der Anpassung der schulischen Lehrmaterialien, über europaweite Initiativen im Sinne eines transnationalen Erinnerns, der Stärkung der Familie „als Relais zwischen biographischem Erinnern auf der einen und öffentlicher Erinnerungskultur sowie offiziellen Geschichtsbildern auf der anderen Seite“[12], bis hin zu Appellen, die Erinnerungskultur durch die „Bildung reflektierten Geschichtsbewusstseins“[13] zu ersetzen. Letztere setzt statt moralischem Erinnerungsimperativ auf eigenbeteiligtes Lernen an historischen Quellen.

 

Erinnerungskulturelle Initiativen unseres Vereins

Forum Dialog setzt sich für eine lebendige Erinnerungskultur ein. Das Engagement umfasst zum einen die Teilnahme unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an externen Initiativen. So beteiligten wir uns etwa im Rahmen der ‚Aktionstage Gemeinsame Sache 2018‘ bei der Aktion ‚Stolpersteine putzen‘ der Organisation HiMate. Auf einer ausgesuchten Route in Berlin Mitte machten wir vor Stolpersteinen Halt, verlasen die Biografien der Opfer, hielten eine Schweigeminute für sie ab und reinigten sodann die Steine. In der Geste des Niederkniens liegt auch ein symbolischer Gehalt der Ehrerweisung vor dem Leben der Person, die ihr damals so drastisch versagt worden war.

 

Auf der anderen Seite setzen wir zum Thema auch eigene Akzente in unseren Veranstaltungen. In der Reihe ‚Menschenrechte und Religion‘ beschäftigten wir uns unter anderem mit dem Schicksal des indigenen Volks der Samen, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter massiven Druck geriet, in Schweden etwa durch die Gründung des ‚Staatlichen Instituts für Rassenbiologie‘ an der Universität Uppsala. Die angeblich naturgegebene ‚primitive Lebensweise‘ der Samen diente dazu, ihnen den Zugang zu höherer Bildung zu verweigern. Diese Ansichten, die bis in die 1940er Jahre zu finden sind, bilden auch den Hintergrund des preisgekrönten Films ‚Sameblod‘ von Armanda Kernell, den wir in Kooperation mit Charlie’s Campus Filmclub der Technischen Universität Berlin und dem KULTURHUS Berlin zeigten.

 

Bei der Reihe ‚HerStory‘ rücken wir die oftmals vergessene oder zu wenig beachtete, Geschichte gestaltende Kraft von Frauen in den Fokus, so geschehen bei der ‚feministischen Museumsführung‘ im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Einzelne Portraits von Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen und religiösen Reformerinnen veröffentlichen wir auch auf Instagram.[14] Daneben verbinden wir mit der Erinnerungskultur die Mahnung zur Wachsamkeit in der Gegenwart. Wo heute Menschenrechte verletzt werden, verlangt dies Einspruch und Einmischung. So machten wir mit der Ausstellung ‚verfolgt – Gesichter des Ausnahmezustands‘, die im Frühjahr 2018 in der Urania Berlin gezeigt wurde, auf die jüngeren Menschenrechtsverletzungen in der Türkei aufmerksam.

 

Das Mosaik ‚Erinnerungskultur – Begleiterin der Zukunft‘ steht im Geiste dieses unseres bisherigen Engagements, und wird es ergänzen wie vertiefen.

 

Marco Schendel

Forum Dialog e.V.

[1] Karl-Ernst Jeismann 2002: Geschichtsbilder. Zeitdeutung und Zukunftsperspektive, //www.bpb.de/apuz/26551/geschichtsbilder-zeitdeutung-und-zukunftsperspektive

[2] Ebd.

[3] Aleida Assmann 2008: Kollektives Gedächtnis, //www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39802/kollektives-gedaechtnis.

[4] Ebd.

[5] Dieses bezog sich freilich zunächst auf die anderen europäischen Staaten, das Unrecht der Kolonien und gegen den globalen Süden blieb.

[6] Vgl. Rainer Huhle/Michael Krennerich: Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Eine grundlegende Antwort auf historisches Unrecht, in: transit. Zeitschrift für Politik und Zeitgeschichte, Nr. 2, 2008, S. 4-10.

[7] Edgar Wolfrum 2008: Geschichte der Erinnerungskultur in der DDR und BRD, //www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39814/geschichte-der-erinnerungskultur.

[8] Ebd. Wohlgemerkt ist hier nur vom Geschichtsverständnis des SED-Regimes die Rede, nicht vom Geschichtsverständnis der DDR-Bürgerinnen und -bürger.

[9] Vgl. Michael Elm 2008: Erinnerung ohne Zeugen, //www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39854/erinnerung-ohne-zeugen.

[10] Vgl. Juliane Wetzel 2008: Erinnern unter Migranten. Die Rolle des Holocaust für Schüler mit Migrationshintergrund, //www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39851/erinnern-unter-migranten.

[11] Harald Welzer 2010: Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis, //www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39868/zukunftsgedaechtnis.

[12] Ebd.

[13] Volkhard Knigge 2010: Zur Zukunft der Erinnerung, //www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39870/zukunft-der-erinnerung.

[14] //www.instagram.com/herstory.x/.

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