Osman Örs, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Forum Dialog, House-of-One-Imam und Theologe, reiste nach Albanien und in den Kosovo und erlebte dort ganz besondere Orte und Menschen. Sein Bericht:

Eines der besten Mittel um Freundschaften zu pflegen und zu festigen, ist es, gemeinsam auf Reisen zu gehen. Und wenn das gemeinsame Ziel ist, Brücken zwischen Kulturen zu bauen und Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen zu fördern, dann sind interreligiöse Reisen, wie wir sie Ende September bis Anfang Oktober in den Kosovo und nach Albanien unternahmen, umso wichtiger.

Gleich vorweg möchte ich sagen, wie sehr ich von dieser Reise angetan bin, denn es war zum ersten Mal, dass ich erleben konnte, wie innerhalb einer so kurzen Zeit Menschen unterschiedlichen Glaubens sich so unvoreingenommen austauschen konnten, Brücken der Verständigung und des Respekts, wie auch vertrauensvolle Freundschaften gewachsen sind. Der interreligiöse Dialog gewann auf dieser Reise ganz neue Qualitäten, löste sich von formellen Begebenheiten und es entstand ein Gefühl der Freundschaft, Empathie und des tieferen Verständnisses zwischeneinander.

So begab ich mich gemeinsam mit Christen und Muslimen auf eine Summerschool nach Prizren (Kosovo) und Tirana (Albanien). Beide Orte und die Menschen, aber auch den Glauben der jeweils anderen  wollten wir auf dieser Reise näher kennenlernen.

Das Motto der Reise war “Spiritualität und Geistigkeit in Christentum und Islam“. So behandelten wir jeden Tag in Workshops verschiedene Mystikerinnen und Mystiker der beiden Weltreligionen. Angefangen von Franz von Assisi und Yunus Emre bis Mechthild von Magdeburg und Rabia al-Adawiyya. Jeden Morgen nach einem spirituellen Morgenimpuls widmeten wir uns jenen geistigen Vorbildern der Menschheitsgeschichte und wir spürten, wie ihr Geist und ihre Spiritualität uns stets über den Tag und unsere Reise begleiteten.

Im Kosovo
Daneben wollten wir aber auch das Land, die Menschen und die zivilgesellschaftlichen Akteure und spirituellen Führer der Gegenwart vor Ort näher kennenlernen. So durften wir die Bildungsarbeit der Jesuiten in Prizren durch das dort wirkende Loyola-Gymnasium kennenlernen, das uns als Unterkunft diente. Der Direktor der Schule, Vater Bödefeld, war uns stets ein guter Gastgeber und Begleiter auf unserer Reise durch den Kosovo. Durch seine guten Beziehungen vor Ort konnten wir ebenso mit einem Vertreter der jüdischen Gemeinde in Prizren ein bereicherndes Gespräch führen.

Der Kosovo ist ein multiethnisches und multireligiöses Land und steht unter anderen mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über 60 Prozent vor vielen gesellschaftlichen Herausforderungen. Das Land ist noch teils durch den Krieg gezeichnet und die politischen und gesellschaftlichen Strukturen brauchen ihre Zeit, um gut zusammenzuwachsen und zu funktionieren. Durch den Krieg hervorgebrachte gesellschaftlich-politische Spannungen herrschen teils noch vor.

Mitrovica – die geteilte Stadt
Dies spürten wir insbesondere in der nördlichen Stadt Mitrovica. Geographisch trennt der Fluss die Stadt in einen nördlichen Teil, der überwiegend von Serben bewohnt wird, und einen südlichen Teil, der überwiegend von kosovarischen Muslimen bewohnt wird. Eine sogenannte „Friedensbrücke“ verbindet die beiden Stadtteile, jedoch herrscht zwischen beiden Bevölkerungsteilen eine gewisse gesellschaftliche Distanz. Dies merkt man unter anderem am Besitz von zwei Nummernschildern. Sobald man als Kosovare oder Serbe mit dem Auto über die Brücke fährt, da manetwas zu erledigen hat auf der anderen Seite, tauscht man sein Nummernschild aus, um nicht aufzufallen.
Trotzdem bemühen sich einige zivile Akteure um Dialog und Begegnung. Herr Baumgarten, Präsident der Diakonie Kosova, empfing uns herzlich und ermöglichte uns zwei evangelische Diakonische Einrichtungen näher kennenzulernen: eine Ausbildungsstätte und ein Jugendzentrum (Diakonie Youth Center), das unweit der Friedensbrücke versucht, den Jugendlichen Perspektiven zu geben und zwischen den Religionen zu vermitteln.

Kloster Visoki Dečani – Einblick in die orthodox-christliche Welt
Oberhalb des Ortes Dečani in einer malerischen Landschaft an den Berghängen gelegen befindet sich das mittelalterliche serbisch-orthodoxe Kloster Visoki Dečani. 2014 als UNESCO-Weltkulturerbe deklariert, beherbergt es einen wichtigen kulturellen Schatz in Form von wunderschönen jahrhundertealten Fresken und wird gegenwärtig von KFOR-Truppen geschützt. Der Ort wird ebenso von Muslimen besucht und gilt insbesondere für Christen als wichtiger Wallfahrtsort. Der Abt des Klosters, Sava Janjic, widmete uns mehr als zwei Stunden und wir sprachen insbesondere über die interreligiösen Beziehungen vor Ort und das spirituelle Leben als orthodoxer Christ. Er gewährte uns einen authentischen Einblick in seine Glaubenswelt und bleibt mir als sehr gebildeter, interreligiös kompetenter und spiritueller Mensch in Erinnerung.

Union of Kosovo Tarikats – Einblick in das Sufileben
Am Abend desselben Tages besuchten wir Scheikh Lulzim Shehu, den Generalsekretär und religiösen Führer der Union kosovarischer Tarikats (eine Union sufischer Ordensgemeinschaften). Mit ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung stellen sie die zweitgrößte religiöse Gemeinschaft des Kosovo. Gemeinsam sprachen wir über die Bedeutung der Spiritualität in einer Ordensgemeinschaft, über Spiritualität in den Religionen und über die eigenen Erfahrungen des interreligiösen Dialogs.

In Tirana – Muslim Community of Albania
Der zweite Teil unserer Reise setzte sich fort in Albanien. Wir hielten uns in Tirana in einem hoch gelegenen und im Grünen befindlichen Hotel auf, mit einem wunderschönen Blick über die Hauptstadt. Hier führten wir unsere täglichen Workshops weiter und widmeten uns tagsüber dem Dialog mit den multi-religiösen Gemeinden der Stadt.

Hier trafen wir das religiöse Oberhaupt der Muslim Community of Albania, Groß-Mufti Skender Brucaj. Mit über 700 Moscheen und Gemeinden stellt sie die größte religiöse Gemeinschaft Albaniens dar. Herr Buraj ist ein sehr kompetenter und viel umherreisender Geistlicher und Akademiker, der uns im Gespräch einen guten Eindruck vermitteln konnte von der Geschichte Albaniens und dem gegenwärtigen multi-religiösen Zusammenleben, aber auch von den gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen man steht.

Die meisten Kirchen und Moscheen wurden in der anti-religiösen und diktatorischen Zeit Enver Hoxhas aus dem Stadtbild getilgt. Aus osmanischer Zeit ist in Tirana nur noch eine einzige Moschee übriggeblieben, die Ethem Bey Moschee, die von der Muslim Community verwaltet wird. Nach dem Freitagsgebet hatten wir Gelegenheit die historische Moschee zu besichtigen und ein Gespräch mit dem ansässigen Imam zu führen.

Headquarters of the World Bektashi Community – His Holiness Hajji Dede Edmond Brahimaj
Die Bektaschi-Gemeinde ist ein islamisch-alevitischer Derwischorden, der seinen Sitz nach Gründung der türkischen Republik, aus politischen Gründen, aus der Türkei nach Albanien verlagern musste. So ist der Welt-Hauptsitz der Gemeinde in Tirana und wird seit 2011 geführt vom religiösen Oberhaupt Edmond Brahimaj. Der Dedebaba – höchster Titel des religiösen Führers der Bektaschi Gemeinde – höchstpersönlich widmete uns mehr als zwei Stunden seiner Zeit und führte uns durch das religiöse Zentrum und das Museum. Anschließend unterhielten wir uns bei einem gemütlichen Snack über das Ordensleben sowie das interreligiöse Leben in Albanien. Ein tief beeindruckender und spiritueller Mensch, der sich stark für die Verständigung der Religionen einsetzt.

Auferstehungskathedrale, Badr Universität und St. Pauls Kathedrale

Daneben besuchten wir in Tirana einen der wichtigsten Sakralbauten der Stadt, die albanisch-orthodoxe Auferstehungskathedrale, und ebenso eine akademische Einrichtung, die Badr-Universität. Hier wurden wir vom Rektor und einigen geisteswissenschaftlichen Professoren freundlich empfangen und genossen am Abend einen sehr bereichernden Vortrag vom Leiter des Instituts für interreligiöse und komparative Studien, Dr. Atakan Derelioglu.

Am Sonntag, dem Tag unserer Abreise, besuchten wir noch gemeinsam die St. Pauls Kathedrale und trafen das katholische Oberhaupt der Stadt, der uns mit auf den Weg gab, dass Toleranz alleine im Dialog nicht reiche, sondern es müsse Harmonie angestrebt werden, was ich als wichtigen Ratschlag mitnehme.

Zeit des Abschieds 
Viele Eindrücke der Reise haben mich und viele Freunde noch viele Tage und Wochen begleitet. Das Land und die Leute haben uns im positiven Sinne überrascht. Es hatte mehr zu bieten, als wir erwartet hatten. Aber darüber hinaus hat die Reise an sich und unser Beisammensein und unser Dialog uns alle tief beeindruckt. Von vielen hörte ich zum Schluss, dass sie es kaum für wahr gehalten hätten, dass es eine so fruchtbare Reise werden würde. Selbst manchen, die schon seit mehr als ein Jahrzehnt den interreligiösen Dialog pflegen, kam es teilweise vor wie ein schöner Traum und es dauerte nach der Rückkehr einige Tage, bis man sich von den Gefühlen dieser Reise erholt hatte und wieder normal in den realen Alltag starten konnte. Auch ich schließe mich diesen Gefühlen an und behaupte: es war ein Highlight aller meiner bisherigen Gruppenreisen und einer der fruchtbarsten Dialoge, die ich erlebte.

Der Dialog muss gepflegt werden wie eine Blume oder ein Garten der Pflege bedarf, sagte einer der zivilgesellschaftlichen Akteure vor Ort, und in diesem Sinne war diese gemeinsame Reise zu Spiritualität und Freundschaft eine der besten Mittel, unseren Dialog weiterzupflegen. Möge sie der Anfang sein für ein respektvolleres Miteinander und ein harmonischeres Morgen für uns alle.

Ich danke nochmals den Veranstaltern, dem katholischen Sankt Georgen Kolleg, dem Forum Dialog und der Zeitschrift Fontäne, die in über zweijähriger Vorbereitung und Dialog diese Reise ermöglichten. Und ebenso ganz großen Dank an alle Teilnehmer_Innen, die mit ihrem Dasein, ihrer Aufgeschlossenheit und ihrem Interesse stets für eine harmonische Atmosphäre sorgten. Ich behalte alle in guter Erinnerung und wünsche allen alles Gute und einen gesegneten, friedvollen und bereichernden Lebensweg.

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