Aus den zahlreichen interreligiösen Gesprächen mache ich die Erfahrung, dass die nichtmuslimische Seite wenig über die Erwähnung Jesus und Marias im Koran weiß. Wenn ich sage, dass keiner anderen Frau im Koran so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird wie Maria, und sie im Koran als ein Modell der weiblichen Frömmigkeit und der vorbildlichen Mutterschaft gezeigt wird, gibt es ein großes Staunen. Und das ohne einmal gesagt zu haben, dass sie die einzige Frau ist, die im Koran namentlich erwähnt wird, in insgesamt 12 Versen 34 Mal über sie berichtet wird, und eine Sura (Sura 19) nach ihr benannt wurde.

Diese Gespräche haben mich dazu motiviert, ein Maria-Bild mit den Koranversen zu zeichnen. Ich habe hierzu zwei Korankommentare (einen klassischen und einen modernen) zur Rate gezogen.

 

Geburt, Familie, Obhut Zacharias‘ und die Zeit im Tempel

Die Mutter Marias war eine unfruchtbare Frau und versprach Gott, falls sie ein Kind bekommen sollte, es ganz Gott zu weihen (3/35):

„(Gedenke) als die Frau (aus dem Hause) von Imran flehte: “O mein Herr, ich habe Dir gelobt, was in meinem Leib ist. Es soll ganz dem Dienst an Dir geweiht sein. So nimm es von mir entgegen, denn wahrlich, Du bist der Hörende, der Wissende.“

Da es typisch war, dass nur Jungen in den Tempeln „geweiht“ wurden, erwartete sie einen Jungen.

„Und als sie (die Mutter Marias) es zur Welt gebracht hatte, sagte sie: „Mein Herr, wahrlich, ich habe ein Mädchen zur Welt gebracht.“ Und Gott wusste am besten, was sie zur Welt gebracht hatte, (deshalb brauchte sie nicht traurig sein, denn) der Knabe (den sie erwartete) konnte nicht gleich (dem) Mädchen sein (das Wir ihr zuteilwerden ließen und dem Wir die größte Ehre und Gunstbezeugung gewähren sollten). – „Ich habe ihr den Namen Maria gegeben, und ich erbitte für sie und ihre Nachkommen Deinen Schutz vor Satan, dem auf ewig aus Gottes Barmherzigkeit Verworfenen.“ (3/36)

Nachdem Maria ein bestimmtes Alter erreichte, nahm ihre Mutter sie mit zum Tempel, um wie versprochen ihre Tochter ganz dem Dienst Gottes zu weihen.

Viele Nachbarn und Freunde wollten Maria in ihre Obhut nehmen, da sie aus einer auserwählten Familie kam und sie schon als kleines Kind zeigte, welch ein wundersames und bedeutendes Kind sie ist. Da auch die Mutter sehr aufrichtig war und eine reine Absicht besaß, gab Gott ihr als Lohn Maria, damit sie „auf das Schönste heranwachsen“ (3/37) kann und vertraute sie im Tempel der Obhut Zacharias‘ an. Zacharias jedoch bekam Maria nicht leicht in die Obhut, da „sie ihre Lospfeile warfen, wessen Obhut Maria anvertraut werden sollte“ (3/44) und sie sich untereinander um diese Angelegenheit für Maria stritten.

Dem Exegeten At-Tabarī zufolge hat Zacharias für Maria ein Gebetszimmer (arab. mihrāb مهراب) bauen lassen, wo sie ihren Gottesdienst durchführen konnte und den niemand anders außer ihr und Zacharias betreten durfte. Der Koran berichtet über die Zeit im Tempel: „Sie zog sich von ihrer Familie zurück in einen Raum (des Tempels), der nach Osten gelegen war “ (19/16), um sich ganz der Andacht und dem Nachdenken zu widmen. In dieser Zeit wurde Maria auf die beste Art und Weise versorgt. Jedes Mal, wenn Zacharias in ihre Gebetskammer trat, fand er bei ihr Nahrung. „„O Maria“, fragte er, „woher bekommst du dies?“ – „Es ist von Gott“, antwortete sie, „denn Gott versorgt, wen immer Er will, ohne zu rechnen““ (3/37). So sah Zacharias sie immer mit frischen Datteln und Wasser ausgestattet.

 

Geburt Jesu

Als sie im Tempel „in Abgeschiedenheit vor dem Menschen“ (19/117) sich ganz dem Nachdenken und Gottesdienst widmete, wurde ein „Geist Gottes“ zu ihr gesandt, der in Gestalt eines Menschen erschien.

„So hielt sie sich in Abgeschiedenheit vor den Menschen. Dann entsandten Wir Unseren Geist zu ihr, und er erschien ihr in der Gestalt eines vollkommenen Mannes.“ (19/17)

Maria erschreckte sich vor diesem Geist und suchte Zuflucht vor ihm beim Erbarmer, woraufhin der Geist antwortet: „Ich bin nur ein Gesandter Deines Herrn, durch den Dir ein reiner Sohn zuteilwerden soll.“ (19/19)

In der Sura Maria (Sure 19) werden detaillierte Angaben über das Vorgehen Marias nach der Verkündung der „frohen Botschaft“, dass sie einen Sohn namens Messias auf die Welt bringen werde, gemacht (vgl. 3/45-47). Wie konnte es denn sein, dass sie einen Sohn hat, „wo doch kein Mann mich berührt hat?“ (3/47) Doch es ist Beschluss Gottes, er „erschafft, was er will. Wenn er eine Sache beschließt, so sagt er zu ihr ‚Sei‘, und sie ist“, denn „für Gott ist nichts unmöglich“ (3/47).

An zwei Stellen im Koran wird darauf hingedeutet, dass die Schwangerschaft durch das Einhauchen des Geistes entsteht (Vgl. 21/91 und 66/12).

„(Und erwähne) auch jene gesegnete Frau, die das beste Beispiel durch die Wahrung ihrer Keuschheit abgab. Wir hauchten ihr von Unserem Geist ein, und Wir machten sie und ihren Sohn zu einem wunderbaren Zeichen (Unserer Macht und der unvergleichlichen Weise, auf die Wir Ereignisse herbeiführen) für alle Welten. (21/91)

„Und ebenso Maria, die Tochter des ‘Imran, die ihre Keuschheit wahrte (körperlich ebenso wie seelisch), deshalb hauchten Wir ihr von Unserem Geist ein, und sie bekräftigte die Wahrheit der Worte ihres Herrn (Seiner Offenbarungen – Gebote, Versprechungen und Warnungen – an Seinen Gesandten) und Seiner Bücher; und sie gehörte zu denen, die Gott demütig gehorsam waren.“ (66/12)

Maria entfernte sich hiernach vom Tempel und ging an einen fremden Ort, an dem dann später auch die Geburtswehen einsetzten. Erschöpft von körperlichem und vor allem geistigem Schmerz sagte sie: „O wehe mir! Wäre ich doch zuvor bereits gestorben und ganz und gar in Vergessenheit geraten!“ (19/23). Es war gewiss eine harte Prüfung für sie, da sie als eine Keusche bekannt war (vgl. 21/91 und 66/12).

Als Jesus auf die Welt kam, ging sie zu ihrem Volk, woraufhin dieses sehr enttäuscht und empört reagierte:

„O Maria! Du bist fürwahr mit etwas Unerhörtem, Gewaltigem gekommen! O Schwester Aarons, dein Vater war kein böser Mann, und deine Mutter war nicht unkeusch.” (19/27). Maria jedoch hielt ihren Mund zu und zeigte auf das Baby: Da ihr aufgetragen wurde, dass „wenn (sie) jemanden sehen sollte[st], dann bedeute (sie) ihm (durch Gesten): „Ich habe dem Erbarmer ein Fasten gelobt, deshalb kann ich heute zu keinem Menschen sprechen.“ (19/27)

„Wie können wir zu jemandem sprechen, der in der Wiege liegt, einem kleinen Jungen?“ (19/29) Und Jesus sprach im Namen Gottes: „Ich bin fürwahr ein Diener Gottes. Er (hat bereits bestimmt, dass Er) mir die Schrift (das Evangelium) geben und mich zum Propheten machen wird. Er hat mich gesegnet gemacht, wo immer ich auch sein mag, und Er hat mir das Gebet vorgeschrieben und die reinigende Pflichtabgabe, solange ich lebe. Und Er hat mich voll Ehrerbietung gemacht gegen meine Mutter, und Er hat mich nicht gewalttätig und widerspenstig gemacht. Darum sei Friede mit mir an dem Tag, an dem ich geboren wurde und am Tag meines Todes und an dem Tag, an dem ich wieder zum Leben erweckt werde.“ (19/29-33)

Somit wurde Maria auch von den Vorwürfen durch Gottes Hilfe freigesprochen.

 

Auserwähltsein Marias

Während der Zeit im Tempel widmete sich Maria ganz dem Gottesdienst und wird deshalb von Gott vorzugsweise gelobt. Sie ist eine „aufrichtige, Gott ganz und gar ergebene“ (5/75), eine auserwählte, reine Frau, die „über die Frauen in aller Welt erhoben“ ist (3/42) und eine Frau, die sowohl körperlich ebenso wie seelisch „ihre Keuschheit wahrte“ (66/12). Deshalb sei sie einer besonderen Aufgabe würdig, die Gott ihr verliehen habe. Auch wenn dies nicht leicht für sie ist, soll es so geschehen,„damit Wir [ihn] (Jesus durch seine Geburt) zu einem Zeichen (der Macht Gottes) für die Menschen machen und zu einer Barmherzigkeit von uns. Dies ist eine bereits beschlossene Sache.“ (19/21)

Auch die Obhut Zacharias‘ deutet auf ein Auserwähltsein durch Gott hin, da Zacharias als frommer und aufrichtiger als seine Zeitgenossen galt und auch ein auserwählter Prophet war (vgl. 6/85-87).

Nicht nur im Koran, sondern auch in den Hadithen (Aussprüche des Propheten Muhammad) wird die gesonderte Stellung Marias hervorgehoben, was wiederum auch die Stellung der Frau im Islam bestens zum Ausdruck bringt. Der Prophet Muhammad würdigt sie als eine der vier bedeutendsten Frauen aller Zeiten. Die drei anderen sind: Asiya, die Frau des Pharaos; Chadidscha bint Huwaylid, die erste Ehefrau des Propheten Muhammad; und Fatima, seine Tochter. Weiter heißt es in Buhari: „Der Satan berührt jeden Nachkommen Adams an dem Tag, an dem er zur Welt kommt. Nur bei Maryam und ihrem Sohn Isa war es nicht so, der Satan berührte sie nicht“, außerdem „zu der besten Frau ihrer Zeit gehört Maryam und zu der besten Frau dieser Zeit gehört die Tochter Huwaylid, Chadidscha“, „Es reicht, wenn du weißt, dass die vorbildlichsten Frauen: Maryam, Asiya, Chadidscha und Fatima waren“ und schließlich „Fatima ist die Herrin der Paradiesfrauen, natürlich nur, wenn Maria nicht mit eingeschlossen wird“.

Auch wurde in der islamischen Theologie die Frage diskutiert, ob es eine Prophetin geben könne oder nicht. Dabei ging es neben fünf anderen Frauen auch um Maria, die mehr als viele der namentlich im Koran erwähnten Propheten gelobt und geehrt wird. Maria spielt mehr noch als viele der Propheten eine besondere Rolle im Koran. Nur wenige namentlich erwähnte Persönlichkeiten werden im Koran so oft gelobt wie Maria. In der Sura 21, die den Namen „die Propheten“ trägt, werden Propheten und deren vorbildliche Ergebenheit erwähnt. Im gleichen Atemzug ist auch die Rede von Maria, „und erwähne auch jene gesegnete Frau, die das beste Beispiel durch die Wahrung ihrer Keuschheit abgab“ (21/91). Auch in der Sura 19 schließt Gott die Erwähnung Marias und der Propheten mit dem folgenden Vers ab: „Das sind einige der Propheten – denen Gott Seine Gnade zuteilwerden ließ – unter den Nachkommen Adams und jenen, die Wir mit Noah dahintrugen, und unter den Nachkommen von Abraham und Israel und von denen, die Wir rechtgeleitet und erwählt haben. Wenn ihnen die Offenbarungen des Erbarmers vorgetragen wurden, fielen sie demütig nieder und weinten“ (19/58) – diese war Grund genug für einige Gelehrten, sie als Prophetin zu bezeichnen.

Auch sei die Beziehung Marias zu Gabriel, der ihr offenbarte, dass sie ein Kind bekommen werde (vgl. 3/45), ein eindeutiges Indiz für die Prophetenschaft. Diese Auffassung ging vor allem von Al-Aschari, dem Begründer der ascharitischen Theologie aus.

Erwähnenswert ist noch, dass die Geschichte Marias im Koran, im Gegenteil zu vielen anderen Prophetengeschichten, sehr detailliert erzählt wird. Bei der typischen koranischen Erzählweise wie etwa beim Propheten Hiob kommt dessen Biografie gar nicht zur Sprache. Bei Maria jedoch wurde nicht nur eine ganze Sura ihr gewidmet, sondern auch viele Verse aus anderen Suren. Sie wird über viele Propheten gestellt und gilt als Vorzeigebeispiel für Frömmigkeit und Keuschheit.

Quelle: http://dtj-online.de/maria-im-koran-67957

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