Fordert der Koran einen „Islamischen Staat“?

Am 7. Januar 2015 wurde ein Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris verübt, bei dem zwölf Menschen ermordet und elf verletzt wurden. Den mutmaßlichen Attentätern von Paris, welche sich zum Islam bekannten, konnten Verbindungen zu terroristischen Gruppen nachgewiesen werden. Gleich danach beging ein weiterer Attentäter einen Anschlag auf einen koscheren Supermarkt in Paris und versuchte damit seine „Solidarität“ unter Beweis zu stellen. Diesen haben der Attentäter und weitere vier Geiseln nicht überlebt.

Einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung (2015) zufolge empfänden mit 57 Prozent weit mehr als die Hälfte der nichtmuslimischen Bürger in Deutschland den Islam als Bedrohung. Wenn man bedenkt, dass 2012 der Anteil der Sorgetragenden bei 53 Prozent gelegen hatte, macht sich eine Zunahme von Angst vor dem Islam erkennbar. Die erschütternden Ereignisse der letzten Tage werden vermutlich diese Zunahme beschleunigen.

Immer wieder werden nach derartigen terroristischen Anschlägen Muslime aufgefordert, sich vom Terror zu distanzieren und den menschenverachtenden Akt „auf das Schärfste“ zu verurteilen. Dabei werden von Nichtmuslimen auch Forderungen an Muslime gestellt, sie mögen doch den Islam reformieren. Ein weiteres Diskussionsthema ist, ob es eine den Terror legitimierende Interpretation der Quellen des Islams – Koran und Sunna – gibt oder nicht. Gibt es also zwei gleichwertige Interpretationen der Quellen, von denen eine den Terrorakt als „Heilige Handlung“ legitimiert und die andere sie als das, was sie ist, im Namen des Islams verurteilt? Anders gefragt: Stützen sich extremistische Gruppen auf eine mögliche Interpretation der Quellen oder manipulieren und instrumentalisieren sie den Islam?

 

Was ist Terrorismus?

In Anlehnung an Sure 5, Vers 32 gilt im Islam der Grundsatz, dass das Töten eines Menschen der Tötung der gesamten Menschheit gleichzusetzen ist. Theologische Begründungen und Erklärungen, um die Friedfertigkeit des Islams und die gewaltablehnende bzw. -verabscheuende Haltung der überwiegenden Mehrheit der Muslime zu unterstreichen, sind jedoch für die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft nicht mehr ausreichend. Daher scheint mir ein Blick in die Frühzeit der islamischen Geschichte als Lackmustest für den Zusammenklang von Theologie, islamischer Tradition und muslimischer Lebensführung hilfreich zu sein. Eine historische Analyse der Frage, ob die Gründung eines sogenannten „Islamischen Staates“ Teil der Fundamentallehre des Islams ist und somit eine religiöse Pflicht für Muslime darstellt, ist angesichts der aktuellen Ereignisse erforderlich.

Die Zeit des Propheten und der ihm direkt nachfolgenden vier Kalifen wird als die Verkörperung des Korans verstanden. Außerdem haben diese Jahrzehnte den Inhalt der – auch für die Gegenwart wichtigen – islamischen Tradition geprägt und bestimmt. Diese Zeit hat ihren Anfang in Mekka, in der Heimatstadt des Propheten und im Zuhause der ersten Muslime. Daher ist es angebracht, den Fokus auf diese Entstehungszeit des Islams zu richten.

Davor sollte aber geklärt werden, was unter Terrorismus verstanden wird. Nach der Definition der Europäischen Union werden Handlungen als Terrorismus bezeichnet, die mit dem Ziel begangen werden, die Bevölkerung auf schwerwiegende Weise einzuschüchtern, öffentliche Stellen oder internationale Organisationen unberechtigterweise zum Tun gewisser Forderungen bzw. zum Unterlassen bestimmter Ausführungen zu zwingen oder die politischen, verfassungsrechtlichen, wirtschaftlichen bzw. sozialen Grundstrukturen eines Landes oder einer internationalen Organisation ernsthaft zu destabilisieren oder zu zerstören. Die Definition einer terroristischen Straftat wurde später auf bestimmte Vorbereitungshandlungen erweitert. Attentate, die – begründet mit politischen Motiven – den Tod bzw. eine schwere Körperverletzung von Zivilpersonen oder von kriegerisch Unbeteiligten einer Auseinandersetzung zum Ziel setzen, sind die Hauptvorgehensweise der Terroristen. Sie wenden Gewalt systematisch an und berücksichtigen keine ethischen und moralischen Grundsätze in ihrem Kampf. In der Regel geht Terror von illegalen, rechtlich nicht anerkannten Vereinigungen aus.

 

Fordert der Koran einen „Islamischen Staat“?

Nun zurück in das Mekka des 7. Jahrhunderts. Mit dem Beginn der Offenbarung im Jahre 610 begann Muhammad, als Gesandter Gottes, die empfangene Botschaft unter das Volk zu bringen. Mehr und mehr Menschen schlossen sich ihm an. Man kann bei der zwölfjährigen mekkanischen Zeit nicht von einer „Massenbewegung” sprechen, jedoch bildete sich im wirtschaftlichen und politischen Zentrum der arabischen Halbinsel die erste muslimische Gemeinschaft aus einer kleinen Gruppe von wenigen hundert Personen, zu denen hauptsächlich (ehemalige) Sklaven, sozial schwache Menschen und Jugendliche gehörten.

Zwölf qualvolle Jahre – geprägt von Elend, Hungersnot, Krankheit, Folter, Unterdrückung und Diskriminierung – musste die muslimische Urgemeinde in ihrer Heimat erleiden. Nicht alle Muslime überlebten diese Zeit. Diese schwierige Phase mussten sie hinnehmen und überstehen, ohne sich verteidigen zu dürfen. Geduld war das Prinzip, welches der Prophet ihnen empfahl. Dann folgte nach einer Zeit der Unerträglichkeit ihrer Lage die gemeinsame Auswanderung nach Yathrib, die spätere „Stadt des Propheten” (Medina).

In dieser Stadt versuchten sie, sich ein neues Leben aufzubauen. Hierbei stand nicht die Gründung eines Staates als religiöses Ziel im Zentrum. Der Prophet und seine Gemeinde waren gleich nach der Ankunft in Yathrib bemüht, die Prophetenmoschee mit den Lehr- und Unterkunftsmöglichkeiten für seine Studenten, die Ashab al-Suffa, zu errichten. Außerdem lässt sich keine Textstelle im Koran finden, die den Propheten auffordert, zusammen mit seinen Gefährten, einen „Islamischen Staat“ zu gründen. Vielmehr haben die sozio-politischen Rahmenbedingungen in Medina und die Streitigkeiten zwischen polytheistisch-arabischen und jüdischen Stämme untereinander und im Verhältnis zueinander diese Entwicklungen erfordert und gefördert. So entstand im Jahre 623 der „Stadtstaat“ Medina auf der Grundlage einer schriftlichen Verfassung, die unter der Leitung des Propheten zwischen Muslimen und polytheistisch-arabischen und jüdischen Stämmen abgeschlossen wurde. Es entstand also eine Rechtsgemeinschaft von Muslimen und Nichtmuslimen, die ihre Beziehung über eine schriftliche Verfassung regelten. In unserer heutigen Zeit würde man dieses Gemeinschaftsleben als einen Rechtsstaat bezeichnen. Muhammad war die Person, die nicht nur von den Muslimen, sondern auch von den Nichtmuslimen der Stadt als politische Autorität anerkannt wurde.

 

Striktes Ablehnen von Selbstjustiz, Anarchismus und Terrorismus

Nachdem sich diese für die Arabische Halbinsel des 7. Jahrhunderts innovative Form des Zusammenlebens – die wir aus heutiger Sicht als Stadtstaat bezeichnen – festigte, begann sie das Gewaltmonopol, welches das Grundkennzeichen eines Staates ist, an sich zu ziehen. Etwas später folgten auch Steuern und Abgaben, die von den „Bürgern“ dieses neuen „Staates“ abzuführen waren. Muhammad entwickelte die Staatlichkeit gemeinsam mit den Muslimen, sah sich aber immer in einer Gemeinschaft mit den Nichtmuslimen von Medina.

Dies waren die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen, auf denen die Verteidigungs- und Präventivkriege mit den feindlichen Mekkanern und ihren Verbündeten – den vertragsbrüchigen Medinensern – folgten. Denn mit ihnen hatte Muhammad und seine Gefolgschaft keinen Vertrag (Sure 4:90) bzw. keinen Vertrag mehr, welcher die Beziehungen zueinander regelte. Demzufolge befanden sie sich in einem de facto Kriegszustand mit den Mekkanern.

Die eventuelle Erwiderung auf Gewalt mit Gegengewalt in der mekkanischen Zeit wäre möglicherweise als Anarchismus und Terrorismus einzustufen gewesen. Das pazifistische Verhalten vor der „Staatsgründung“ hingegen ist ein historisches Zeugnis für ein striktes Ablehnen von terroristischen und anarchistischen Vorgehensweisen. Der Islam gibt Raum für Selbstverteidigung, aber nicht für Selbstjustiz. Er regelt den Krieg, um die Grausamkeit und Willkür von Kriegen in die Schranken zu weisen. Wie könnte er dann aber Terror gutheißen und Willkür Tür und Tor öffnen? Gute Behandlung der Kriegsgefangenen, das Verbot der Verstümmelung von Leichen und das eindeutige Untersagen von Angriffen auf Zivilisten und Unschuldige markierten die Ablehnung einer unmoralischen, regellosen und wollüstigen Haltung im Krieg.

 

Freundschaft statt Feindschaft

Mit einer Offenbarung wurden die Muslime ermahnt, dass der Hass gegen eine Gruppe sie nicht dazu verleiten dürfe, anders als gerecht zu handeln (Sure 5:8). Sie dürften zwar kämpfen, aber nicht die friedensstiftende, gerechtigkeitsstrebende und barmherzige Grundhaltung übertreten, die ein Mensch stets haben und in keinem Moment aufgeben darf (Sure 2:190). Außerdem sollten sie lernen zu differenzieren; sie sollten zwischen Feind und Freund unterscheiden können und einer Freundschaft mit Nichtmuslimen eine Chance geben: „Gott verbietet euch nicht, zu denen, die keinen Krieg gegen euch führen, aufgrund eurer Religion noch euch aus euren Häusern vertreiben, freundlich zu sein und in Gerechtigkeit gegen sie zu handeln. (…)“ (Sure 60:8)

Sie sollten sich stets bewusst sein, dass sie für alle bösen Taten in Rechenschaft gezogen werden (Sure 99:7-8). Schließlich sollten sie in ihrem Kampf in Erinnerung halten, dass der Krieg schlecht ist und die körperliche und seelische Gesundheit des Menschen zerstört. Da diese rehabilitiert werden müssen, sollten nicht alle zusammen zum Kampf ausrücken. Eine Gruppe sollte ihr Studium fortsetzen, damit sie ihre am Krieg beteiligten Mitmenschen ermahnen können, wenn sie zu ihnen zurückkehren (Sure 9:122). Die Gewaltanwendung sollte nicht als eine religiöse Pflicht verstanden werden; vielmehr ist sie als eine zeitgebundene politische Antwort des Staates auf kriminelle und terroristische Handlungen zu verstehen. Die Offenbarung hat bei diesem als „weltlich“ zu verstehenden Prozess die Muslime nicht auf sich alleine gestellt. Die pädagogische und psychologische Betreuung bezweckte, die Muslime vor Übertretung von Regeln und vor unmoralischem Verhalten zu schützen.

 

Jede Gelegenheit nutzen, um wieder Frieden herzustellen

Der Krieg wird nicht als Normalzustand verstanden. Eher sollen Muslime jede Gelegenheit nutzen, um wieder Frieden herzustellen. Daher werden die Muslime aufgefordert, egal welche Intentionen der Feind dabei trägt, ein Friedensangebot sofort und ohne zu zögern anzunehmen: „Und wenn sie [die Feinde] zum Frieden geneigt sind, dann sei auch du dazu geneigt, und setze dein Vertrauen in Gott. Fürwahr, Er ist der Hörende, der Wissende. Und wenn sie [dabei nichts anderes] im Sinn haben, als dich [o Gesandter] zu betrügen, so soll Gott dir wahrlich genügen. Er ist es, der dich mit Seiner Hilfe und durch die Gläubigen gestärkt hat.“ (Sure 8:61-62)

Trotz allem ist die Wahrnehmung über die Anfangsphase der islamischen Geschichte geprägt von Kriegen. Der Islam-Theologe Reşit Haylamaz meint jedoch, dass dieses Bild die Menschen täusche. Sich auf seine langjährigen Forschungen und Untersuchungen berufend vertritt er die Meinung, dass in den 23 Jahren nur für insgesamt 13 Stunden die Schwerter gezogen worden wären.

 

Der Terror-Krieg ist ein Phänomen der Moderne

Die historischen Begebenheiten liefern uns reichlich Informationen darüber, wie sich der Islam und die Muslime stets gegen den Terrorismus gestellt haben und dabei selbst ständig dieser Bedrohung ausgesetzt waren. Die theologische Position, dass der Islam keine Schnittmenge mit dem Terrorismus hat, bekräftigen auch die Worte des Islamwissenschaftlers Marco Schöller. Der Islamexperte sagte in einem Interview der Westfälischen Nachrichten am 4. Mai 2011: „Der Dschihad als Terror-Krieg gegen möglichst viele unbeteiligte Zivilisten ist eine moderne Erscheinung. So etwas hat es in den vielen Jahrhunderten des Islams zuvor nicht gegeben.“

Die Antwort auf die Frage, auf welcher Seite sich der Islam befindet, ist klar und eindeutig. Er ist auf der Seite des Friedens und des Rechts. Die eigentliche Frage richtet sich nicht an den Islam, sondern an die Muslime: Auf welcher Seite befinden sie sich? Auf der Seite des Islams oder des Terrorismus? Sie haben zu entscheiden, denn beides zusammen geht nicht. Die Reaktionen vieler Muslime auf die Ereignisse in Paris haben gezeigt, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime sich auf die Seite des Islams stellt und gegen den Terror ist. Jedoch sollte jede Gelegenheit genutzt werden, seine Stimme zu erheben und zu sagen: „Nicht in meinem Namen!“

 

Quelle: http://dtj-online.de/islam-frieden-terror-koran-islamischer-staat-47441

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